"Hirnjogging ist blanker Unsinn!"

Folgenschwere Inkompetenz eines Systems

Mein Name war nirgends in dem Artikel erwähnt. Und dennoch: Schon am Karsamstag (26. März 2016), als der Artikel unter „Metropolregion und Bayern“ der Nürnberger (NN), Erlanger usw. Nachrichten (S. 17) erschien [1], fragte mich fast jeder Bekannte, den ich traf, was ich dazu sage. Zwölf Tage später, als ich turnusmäßig an einem öffentlichen Treff mit dem Thema „geistige Fitness“ teilnahm, präsentierten mir Beteiligte den betreffenden Ausschnitt aus der NN mit dem Beitrag „Hirnjogging ist blanker Unsinn!“, verbunden mit der Frage: „Stimmt das wirklich?“. Sogar zwei Wochen später erlebte ich bei einer weiteren öffentlichen Veranstaltung das Gleiche.

 

Jedenfalls hat der Artikel eingeschlagen. Selbst in meinem Umkreis, dem Gebiet Erlangen. Obwohl sich alles in Nürnberg abgespielt hatte. Worum ging es?

 

Im Nürnberger Nicolaus-Copernicus-Planetarium hatte Dr. Henning Beck, Neurowissenschaftler und Deutscher Science-Slam-Meister einen Vortrag gehalten. Laut Ankündigung [2] wollte er unter dem Titel  "Hirnrissig – Die 20,5 größten Neuromythen" kritisch, unterhaltsam und allgemeinverständlich verbreitete Vorstellungen über das Gehirn unter die Lupe nehmen und aufdecken, ob beispielsweise„ „rechtshirnige“ Menschen kreativer sind, wie viel Schokolade tatsächlich glücklich macht und ob man sich durch regelmäßiges Hirnjogging intelligent trainieren kann.“ Das Ergebnis seines Vortrags wäre im engen Kreis des Publikums geblieben, hätte es nicht eine Mitarbeiterin der NN-Wirtschaftsredaktion durch ein Interview in die breitere Öffentlichkeit gebracht [1]. Hier kann das Ergebnis dieses Nachinterviews eingesehen werden.

 

Was bezieht Hirnjogging alles ein?                                                            Fenster 1
     

Offenbar sind die Ausdrücke „Hirnjogging“ oder „Gehirnjogging“ für viele Menschen ein umgangssprachlicher Oberbegriff geworden. Ihm zugeordnet werden Gehirntraining,Gedächtnistraining, Konzentrationstraining, Intelligenztraining, kognitivesTraining, geistiges Fitnesstraining, Arbeitsspeicher-Management, Brain-Tuning, geistige Beschäftigung usw.
 
       
Die im laufenden Text geschilderten Reaktionen belegen, dass das „Hirnjogging“ viele Menschen bewegt. Leider ist dieses Gebiet auch ein Tummelplatz vieler nicht oder schlecht ausgebildeter Personen geworden, die hier ihre Leistungen anbieten. Um die Spreu vom Weizen zu trennen, vergibt das GfG-TrainerKolleg an von ihr erfolgreich geprüfte Trainer Lizenzen.

 

Ein erfolgreicher Beitrag, um das Leben von Betroffenen und ihren Angehörigen aus der Bahn zu werfen?

Der Vortrag hatte, nicht zuletzt wegen des Nachberichts einen durchschlagenden Erfolg: für den Vortragenden, den Veranstalter (Turm der Sinne) und die NN. Offenbar fand der Nachbericht viel Aufmerksamkeit und wirkte nachhaltig, besonders bei denen, die durch die NN mit einer Druckauflage von gut 280 Tsd. [3] bzw. durch die online-Version mit monatlich über 5 Mio. Besuchen informiert werden [4]. Wie die von mir erfahrenen Reaktionen (s.o.) zeigten, dürfte das Thema „Hirnjogging ist blanker Unsinn!“ alle die interessiert haben, die irgendwie von der Altersdemenz betroffen sind: Erkrankte, Gefährdete und ihre Angehörigen sowie Senioren allgemein. Denn bei den über 55-Jährigen ist sie die meistgefürchtete Erkrankung, erst danach kommt Krebs.

 

Warum diese Furcht? Heike von Lützau-Hohlbein, 1.Vorsitzende der Deutschen Alzheimer Gesellschaft, gibt den Grund an: „Wir müssen uns klar machen, dass … [hinter der Demenzerkrankung; S. Lehrl] …menschliche Schicksale stehen. Das Leben jedes einzelnen Betroffenen und das seiner Familie wird durch eine Demenzerkrankung aus der Bahn geworfen“ [5].

 

 

Zu den 3,5 Mrd. € Kosten kommt noch viel Leid hinzu

Wie viele zu den irgendwie Betroffenen gehören, ist nicht genau bestimmbar. Aber gesichert sind einige Rahmendaten: Franken, das in der Reichweite der NN liegt, hat 4,1 Mio. Einwohner. Davon leiden bereits ca. 75 Tsd. Personen an einer Altersdemenz. Die Kosten lassen sich auch einschätzen. So haben Experten für die Schweiz, die mit 8,3 Millionen fast genau doppelt so viele Einwohner wie Franken umfasst, gut 7 Mrd. Euro ermittelt. 3,5 Milliarden Euro an Kosten für Frankens Demenzerkrankte dürfte demnach recht realistisch sein [6].

Das mit der Erkrankung verbundene Leid für die Demenzkranken und ihre Angehörigen lässt sich nicht in Geld angeben, sondern nur ahnen.

 

„Erhöht Gehirnjogging die Intelligenz? [Frage der Interviewerin]          Fenster 2
„Alles Quatsch“, antwortet Henning Beck“
     
[Diese Passage ist in der Druck-, aber nicht Onlineausgabe der NN enthalten.]
   
Schon vor 30 Jahren publizierte kontrollierte Studien über die Wirkung von Mentalem Aktivierungstraining (MAT) zeigen, dass sich der IQ in Tests für fluide Intelligenz schon in zwei Wochen erheblich erhöht, während er bei Kontrollpersonen unverändert bleibt [z. B. 21]. Inzwischen liegen Dutzende von Studien mit entsprechenden Intelligenzerhöhungen vor.
      

Wer erzählt nun Quatsch? Die Personen, die in mühsamer wissenschaftlicher Kleinarbeit, zudem unter der Kontrolle international anerkannter Intelligenzforscher die Tatsache ermittelten, dass bestimmte Gehirntrainingsprogramme die Intelligenz steigern? Oder Dr. Henning Beck, über den im Internet unter „Google Scholar“ [32] kein Nachweis zu finden ist, dass er sich auf eine Weise mit Intelligenz und Gehirntraining auseinander gesetzt hat, die in der internationalen Gemeinschaft der Wissenschaftler (Science Community) anerkannt wird?

 

 

Geistiges Training erhöht nachweisbar die Lebensqualität und verkürzt die Leidenszeit

 

Wie hängt nun die Demenz mit geistiger Leistungsfähigkeit, Intelligenz zusammen? Schon definitionsgemäß ist die Demenz (wörtlich „vom Geiste“) im Kern eine Intelligenzminderung.

 

Wenn es gelingt, diese Minderung der geistigen Leistungsfähigkeit teils oder gar ganz rückgängig zu machen, verschwinden psychische Symptome der Demenz. Dann können die Betroffenen wieder mehr, teils normal an ihrer Umwelt teilnehmen. Das Leid verschwindet. Entsprechend gewinnen sie und ihre Angehörigen an Lebensqualität.

 

Gehirntrainings, Hirnjogging, Mentales Aktivierungstraining (MAT), Brain-Tuning oder wie man die dabei geforderten geistigen Übungen sonst auch nennen mag, tragen zu einer Normalisierung des psychischen Zustands bei. Dies belegen kontrollierte, darunter auch sehr umfangreiche Studien (z. B. [7-13]). Im Hintergrund brechen zwar weiterhin bei erkrankten Personen die Hirnstrukturen zusammen, aber diese Personen funktionieren in ihrer Welt noch unauffällig. Irgendwann wird die Erkrankung dann doch offensichtlich und die Betroffenen durcheilen die verschiedenen Schweregrade einer Demenz bis zum Tod (z. B. [7, 9]). Das geschieht allerdings in viel kürzerer Zeit als sonst. Dadurch haben sich die Zeit mit normaler Lebensqualität verlängert und die Leidenszeit verkürzt. Das ist jedenfalls für die Betroffenen und ihre Angehörigen ein Gewinn. Dazu kommen entsprechende Kosteneinsparungen.   

 

Geistige Leistungsfähigkeit und Demenz
Durchschnittliche Zusammenhänge zwischen geistiger Leistungsfähigkeit und offenbarer Altersdemenz (siehe [7, 9, 14])

 

 

 

Gehirntrainings können Schutz vor Suchtneigungen und Altersdemenzen aufbauen

Die Wirkungen intensiver geistiger Beschäftigungen beginnen sogar viel früher. Viele Jahre, bevor sich eine Altersdemenz bemerkbar machen könnte. Es gehört schon lange zum Kern der Erkenntnisse in den Alters- und Alternswissenschaften, dass die geistig Leistungsfähigeren, sei es durch schulische, berufliche und alltägliche Anregungen oder sei es durch ergänzende Gehirntrainings überhaupt ein relativ geringes Risiko haben, eine Altersdemenz zu bekommen (z. B. [8, 14]).

 

Doch nicht nur das. Eine relativ hohe geistige Leistungsfähigkeit hat sich auch als wirksamster psychischer Schutz vor weiteren mentalen Störungen und Erkrankungen erwiesen [15]. Zu ihnen gehören Psychische Labilität, Suchtneigungen, depressive Zustände usw.

 

 

Mit dem IQ steigt das Einkommen

Die geistige Leistungsfähigkeit bestimmt auch wesentlich das Schulbildungs- und Berufsniveau und dabei auch das Einkommen [16, 17]. Bei 30-Jährigen entspricht jeder IQ-Punkt mehr als bei Gleichaltrigen einem jährlichen Mehr von etwa 500 Euro [17]. Da 10 IQ-Punkte Zugewinn häufig in wenigen Wochen erreichbar sind (z.B. 18-22]), beträgt der jährliche Vorteil der höheren Intelligenz überschlägig 5.000 € und bei 30 Jahren 150.000 €.

 

Wer ersetzt den verursachten Ausfall an Lebensqualität?

Sicherlich wurde schon so manche Person durch die Interview-Nachricht über Henning Beck dazu verführt, ihre bis dahin durchgeführten mentalen Trainings einzustellen, weil sie nichts als „blanker Unsinn“ und somit verlorene Zeit und Mühe sein könnten. Sobald sie an unbeirrt Weiterübenden bemerken, dass sie selbst im Laufe weniger Monate geistig deutlich dahinter zurückfallen, könnten sie versucht sein, Ansprüche an die Verursacher des Interviews zu stellen. Im Einzelfall werden sie nichts belegen können, aber als Gruppe, die mit denen verglichen wird, die den Artikel nicht kannten oder sich nicht davon beeindrucken ließen. Sobald die Geschädigten sich organisieren, könnten ihre Ansprüche in erhebliche finanzielle Größenordnungen gehen. Einige der Kosten lassen sich anhand des oben gegebenen Rahmens einschätzen, das verursachte Leid hingegen nicht.

 

Warum diese krasse Verachtung von einerseits geistig sehr leistungsfähigen und andererseits stark leistungsgeminderten Personen?

Vordergründig ist es Dr. Henning Beck, der die Maßnahmen, die sich in zwischenzeitlich rund hundert, teils sehr umfangreichen und kontrollierten Studien als geistig förderlich erwiesen, pauschal und krass ablehnt: „Hirnjogging ist blanker Unsinn!“ Bis zu 1.000 Besucher seiner Vorträge im Rahmen der Science-Slams, signalisieren ihm, dass er seine Sache gut macht, noch besser als seine Mitbewerber mit anderen Themen. Veranstalter wie der „Turm der Sinne“ geben ihm ein Forum für die weitere Öffentlichkeit und die Presse wie die Nürnberger Nachrichten sorgen dafür, dass seine Aussagen viele Menschen daheim erreichen.

 

Warum lehnen sie die wissenschaftlichen Erkenntnisse ab? Steckt dahinter eine Gruppe von Hassern, die Personen mit Demenz sowie Demenz- oder Suchtgefährdung oder karrierebewusste und erfolgreiche Schüler und Berufstätige ablehnen? Vielleicht, weil sie sich überwiegend für lebenstüchtig halten und in den Anderen eine Belastung sehen? Einerseits sind sie vielleicht als typische Vertreter der Neidgesellschaft Deutschland [23] missgünstig und beneiden die geistig besonders Leistungsfähigen. Andererseits verachten sie die Kranken und Gestörten, die als persönliche oder gesellschaftliche Belastung wahrgenommen werden.

 

Diese Motive betreffen vermutlich nur eine Minderheit der in diesem System Agierenden. Denn wahrscheinlich ist es die Mehrheit, die die aufgezeigten Zusammenhänge zwischen geistiger Leistungsfähigkeit und Erfolg in der Gesellschaft bzw. Beeinträchtigung der Gesundheit nicht kennt, weil sie die einschlägige Forschung nicht wahrgenommen oder nicht zugelassen hat, weil sie ihre Vorurteile nicht gefährden wollen. Gelegenheiten, sich damit auseinanderzusetzen, hätte es genug gegeben. Denn die verschiedensten Aspekte dieses weiten Wissensfelds sind in den letzten Jahrzehnten nicht nur in Fachzeitschriften und –Büchern, sondern wegen ihrer Relevanz auch in der Sekundärliteratur häufig behandelt worden. Die Themen reichen von kontrollierten Studien von geistigen Trainings mit nachgewiesenen Erfolgen in Tests der fluiden Intelligenz oder Arbeitsspeicherkapazität bis hin zu den empirischen Nachweisen, wonach die Intelligenz in den Industrienationen jahrzehntelang zunahm [24-26] und Staaten mit den im Durchschnitt intelligentesten Bürgern am wohlhabendsten sind und die besten Bildungs- und Gesundheitssysteme und die fairsten Rechtssysteme haben [27].

 

 

Wiederbelebung eines alten Mythos´, um die Verbreitung und Nutzung neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse zu blockieren

Die Kenntnis der soeben dargestellten Zusammenhänge hat noch nicht die breite Öffentlichkeit erreicht, offenbar auch nicht den Referenten. Dafür ist er zu fachfremd, zu jung und zu umtriebig - was von der Zeit gründlicher Vertiefungen in  wissenschaftliche Disziplinen abgeht - , um schon weit über den Tellerrand der Biochemie und Neurobiologie hinaus und in das oben abgesteckte Gebiet der rezenten Intelligenzforschung gründlich hineinzublicken. Er bedient einen alten Mythos´ zur Intelligenz, den die Nürnberger Forschergruppe um Prof. Erwin Roth in dem bereits 1972 erschienenen, damaligen Standardwerk über Intelligenz als in Kontinentaleuropa bis dahin herrschende Auffassung beschrieben hatte [28]. Demnach sei die menschliche Entwicklung der Intelligenz im Großen und Ganzen festgelegt. Nur bei erheblichen negativen Umwelteinflüssen bleibe sie hinter ihren vorgegebenen Möglichkeiten zurück. Die Forschergruppe aus Nürnberg fuhr wörtlich fort: „In Einklang mit dieser Auffassung stand die Annahme, daß menschliche Intelligenz eine angeborene Dimension der Persönlichkeit sei, die sich in bestimmten Zuwachsraten zu einem vorher festgelegten Niveau entfalte. Der Umwelt wurde allenfalls eine auslösende Funktion zugesprochen. Vor diesem Hintergrund mussten alle gezielten Maßnahmen, die eine Förderung der Intelligenz im Sinne einer Höherentwicklung beabsichtigten, als sinnlos erscheinen“ (S.101 [28]).

 

Die in dem Intelligenzbuch enthaltene Aufforderung zur Wende, also zur Förderung von Intelligenz wurde besonders an der Universität Erlangen-Nürnberg aufgegriffen und hat zu erfolgreichen Umsetzungen in der Forschung und in der praktischen Schul- und Berufsbildung, im Seniorenalltag und im neuropsychiatrischen Bereich geführt. Manche noch nicht abgeschlossene Weiterentwicklungen sind daraus entstanden, insbesondere das von Bundesministerien unterstützte „Leuchtturmprojekt MAKS“ von Prof. Elmar Gräßel an der Universität Erlangen-Nürnberg [29, 30]. Und die Ergebnisse all dieser Entwicklungen einschließlich ihrer empirischen Überprüfungen sind in zusammen weit über hundert Veröffentlichungen mitgeteilt worden. Wenn man diese Hintergründe kennt, mutet es seltsam an, wenn 44 Jahre nach dem von Roth und Mitarbeitern geführten Nachweis, dass sich Intelligenz fördern lässt, wofür zwischenzeitlich zudem viele zusätzliche wissenschaftliche Belege vorgelegt wurden, wiederum auf dem Nürnberger Boden der in der Fachwelt mittlerweile kaum noch ernsthaft diskutierte Mythos der Unveränderlichkeit von Intelligenz wiederbelebt wird und offenbar auf viel Resonanz stößt.

 

Unterhaltung dominiert wissenschaftliche Kompetenz

Um zu beurteilen, wie es zu dem Öffentlichkeitserfolg dieser folgenschweren Aussage „Hirnjogging ist blanker Unsinn!“ kommt, ist schließlich danach zu fragen, was der Urheber ist, will und kann. Der Homepage von Dr. Henning Beck, die sicherlich von ihm autorisiertist, ist wesentliches zu entnehmen [31].

 

Nach seinen Angaben studierte er von 2003 bis 2008 Biochemie in Tübingen, erstellte eine Doktorarbeit am Institut für Physiologische Chemie der Universität Ulm und promovierte 2012 an der Graduate School of Cellular & Molecular Neuroscience über ein neuro-zellbiologisches Thema. 2013 machte er einen International Diploma-Abschluss in Projektmanagement der University of California in Berkeley und entwickelte bis zum Jahresende für Unternehmen in der San Francisco Bay Area moderne Innovations- und Marketingstrategien.

 

 

Science-Slam: Was ist das?                                                                         Fenster 3
 
Es ist ein Wissenschaftswettstreit, bei dem vor allem Nachwuchswissenschaftler, manchmal auch gestandene Wissenschaftler innerhalb zehn Minuten eigene Forschungsthemen einem Publikum präsentieren. Das Publikum bewertet – meist durch Punktekarten oder Applaus - und ermittelt so, wer siegt. Neben der Wissenschaftlichkeit sind die Verständlichkeit und der Unterhaltungswert wichtige Kriterien.

 
Die Science-Slams sollen die Kommunikationsfähigkeit der Nachwuchswissenschaftler  und bei einem Laienpublikum das Interesse an verschiedenen Wissenschaftsthemen fördern.
                                                                                                Zusammengestellt nach Wikipedia [32]

 

 

Seit 2011 ist Beck als Science-Slammer (siehe Fenster 3) in ganz Deutschland unterwegs, um seine Forschung zu vermitteln. 2011 gewann er den Bundessieg des Science-Slams und 2012 den Deutschen Science-Slam-Meistertitel. Außerdem hat er mehrere Bücher zu Themen wie Hirnforschung, Kreativität und Innovation veröffentlicht und Vorträge und Workshops darüber gehalten.

Seine Themen [31]:

 

  • „Neuromythen und Hirnlegenden: Die Wahrheit über männliche und weibliche Gehirne, Hirnjogging, Spiegelneurone und Glückshormone
  • Hirnforschung und Kreativität
  • Biologie und Business“

 

Ein umtriebiger Nachwuchswissenschaftler, der die echte Wissenschaft kennt?

Was will Henning Beck? Er will „humorvoll mit den populärsten Legenden über das Gehirn abrechnen“ [31]; „Ich verknüpfe echte Wissenschaft mit packender Unterhaltung“ [31]; deshalb „erkläre ich komplexe Wissenschaft unterhaltsam, verständlich und fachlich korrekt“ [31]. „Ich erkläre Hirnprozesse einfach und für jeden verständlich – aber immer wissenschaftlich fundiert und aktuell“ [31]. “Ich zeige, was wir wirklich wissen über die faszinierende Welt des Gehirns – auf dass die Neuromythen enden mögen“ [31]. Und zu seinen Themen gehört „Die Wahrheit über … Hirnjogging“ [31].

 

Was kann Henning Beck? Bei einem jungen, umtriebigen Nachwuchswissenschaftler ist nicht zu erwarten, dass er einen tieferen Einblick in das extrem weite Gebiet seiner Themen gewinnen konnte. Schon sein Anspruch, „echte“ Wissenschaft, „fachlich korrekt“, „immer wissenschaftlich fundiert“ auf dem aktuellen Stand („was wir wirklich wissen“) zu vermitteln, weist auf seine Ahnungslosigkeit gegenüber denen hin, die sich jahrzehntelang auf Teilgebiete seiner Themen konzentrieren (z. B. Kreativität, Hirnjogging aus intelligenzpsychologischer Perspektive, Business) und sich dabei mit den weltweit besten Kennern in Fachzeitschriften und –büchern sowie Fachkongressen auseinandersetzen und in der Fachwelt, z. B. objektivierbar durch Google Scholar [33], ihre Spuren hinterlassen. Von den Fachkennern auf internationalem Niveau wäre wohl kaum einer so vermessen zu behaupten, „echte Wissenschaft“oder den aktuellen Stand („was wir wirklich wissen“) darzubieten.

 

Dem eigenen Anspruch ist Beck nicht gewachsen. Schon deshalb nicht, weil es weltweit keinen Wissenschaftler geben dürfte, von dem sich mit Fug und Recht behaupten lässt, er sei ein gottgleicher Superwissenschaftler, der über den Wissenschaften steht und zwar nicht nur über einer einzelnen sich aktuell entwickelnden Fachdisziplin, sondern über mehrere, teils sehr unterschiedliche Fachdisziplinen und der diese pauschalisierend und abschließend einfach bewerten und die „Wahrheit“ darüber für Laien sehr verständlich darstellen kann.

 

Mehr Nutzen durch Berücksichtigung der eigenen Grenzen

Um Werbung für seine Leistungsangebote zu machen, versucht Beck, sich ein attraktives Profil als unterhaltsamer Wissenschaftler zu geben und interessante Themen anzubieten und diese zu vereinfachen. Dies ist wichtig für jemand, der Aufträge für Vorträge bekommen und seine Bücher verkaufen will. Es wäre in Ordnung, wenn sich Henning Beck auf das beschränkte, wofür er über hinreichende Kompetenz zu verfügen scheint und bei dem die Folgen im Falle einer Täuschung nicht erheblich, u. U. gar tragisch sind und sogar in eine volkswirtschaftlich interessante Kostendimension gehen. Entsprechend weniger anspruchsvoll sind Antworten zu Fragen der Art, ob „„rechtshirnige “Menschen kreativer sind“ und „wie viel Schokolade tatsächlich glücklich macht“. Hier bewirken Abweichungen von gegenwärtigen oder zukünftigen wissenschaftlichen Erkenntnissen keine oder zumindest tolerierbare Schäden. Falls Beck bei derartigen Fragen tatsächlich mit Mythen aufräumt, trägt er zu etwas Nützlichem bei. Dann erfüllt er auch Ziele von Science-Slams.

 

Nur, Beck, der als Ziel angegeben hat, mit einigen Mythen über das Gehirn aufzuräumen, ist nicht bei der Unterhaltung geblieben, sondern versuchte, sich selbst zum Mythos aufzubauen (s. Fenster 4), was ihm auch in den Augen von Unerfahrenen in den Wissenschaften oder zumindest in Fachgebieten, die er nicht beherrscht, geglückt zu sein scheint. Andernfalls wäre sein Interview nicht so ernst genommen worden.

 

Woran erkennt man die Blender in Sachen Wissenschaft?                 Fenster 4
 

  1. Sie geben vor, die „wahre“ Wissenschaft zu kennen
  2. Sie behaupten, in vielen sehr unterschiedlichen Fachgebieten kompetent zu sein bzw. beziehen dort sehr entschieden, unter Bezug auf die Wahrheit, Stellung
  3. Sie sind in der Science Community nicht oder kaum präsent
  4. Sie haben keine Wissenschaftlerstelle in öffentlich kontrollierten Forschungs- bzw. Wissenschaftsinstitutionen
  5. Sie verweisen auf ihre vorübergehenden Tätigkeiten

   o an bekannten Ausbildungsorten oder solchen mit wohlklingenden
            Bezeichnungen
   o bei bzw. mit Personen mit bekannten Namen
    6. Sie führen als Referenzen wohlbekannte Auftraggeber bzw. Institutionen an

1. oder 2. müssen dabei sein


 

Literaturverzeichnis

[1] Giese A (26.03.2016) Hirnjogging ist blanker Unsinn! Nürnberger Nachrichten, S. 17. 

[2] www.nordbayern.de/termine/veranstaltungen?dateid=49727643&eventtitle=SGlybnJpc3NpZzogRGllIDIwLDUgZ3LDtsOfdGVuIE5ldXJvbXl0aGVu&eventtown=Tmljb2xhdXMtQ29wZXJuaWN1cy1QbGFuZXRhcml1bQ==&town=TsO8cm5iZXJn&eventcategory=Vm9ydHJhZyB1bmQgRGlza3Vzc2lvbg== (abgerufen am10-04-2016).

[3] http://mediadb.nordbayern.de/live/preise/2016/NN_NZ_2016_online_kl.pdf (abgerufen am 10-04-2016).

[4] http://mediadb.nordbayern.de/werbung/werbung_leistungswerte.html (abgerufen am 10-04-2016).

[5] www.deutsche-alzheimer.de/ueber-uns/aktuelles/artikel (abgerufen am 11-04-2016).

[6] www.alz.ch/index.php/zahlen-zur-demenz.html (abgerufen am 10-04-2016).

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[9] Oswald WD, Hagen B, Rupprecht R,Gunzelmann T (2002) Bedingungen der Erhaltung und Förderung von Selbständigkeit im höheren Lebensalter (SIMA) –Teil XVII: Zusammenfassende Darstellung der langfristigen Trainingseffekte. Z Gerontopsychol -psychiat 15(1):13-31.

[10] Panerai S, Tasca D, Musso S, Catania V, Ruggeri F, Raggi A, Muratore
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Front BehavNeurosci. 2016 Feb 29;10:34. doi: 10.3389/fnbeh.2016.00034.eCollection 2016.

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[12] Wolinsky FD, Mahncke H, Van der Weg MW, Martin R, Unverzagt FW, Ball KK, Jones RN, Tennstedt SL (2010) Speed of processing training protects self-rated health in older adults: enduring effects observed in the multi-site ACTIVE randomized controlled trial. Int Psychogeriatr. 22: 470-478.

[13] Gates NJ, Sachdev P (2014) Is Cognitive Training an Effective Treatment for Preclinical and Early Alzheimer's Disease? J Alzheimers Dis. 2014 Aug 28. [Epub ahead ofprint].

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[22] Lehrl S, Sturm P (2013) Brain-Tuning: schneller – schlauer – konzentrierter. Weil dein Gehirn mehr kann. Göttingen: BusinessVillage.

[23] http://www.focus.de/politik/deutschland/deutschland-die-neid-gesellschaft_aid_150382.html (abgerufen am 23-04-2016).

[24] Flynn JR (1984) The mean IQ of Americans: massive gains. New York: Harper and Row.

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[29] Luttenberger K, Donath C, Uter W, Graessel (2012) Effects of multimodal nondrug therapy on dementia symptoms and need for care in nursing home residents with degenerative dementia: a randomized-controlled study with 6-month follow-up. J Am Geriatr Soc 60:830-840.

[30] Luttenberger K, Hofner B, Graessel E (2012) Are the effects of a non-drug multimodal activation therapy of dementia sustainable? Follow-up study 10 months after completion of a randomised controlled trial. BMC Neurology 12:151.

[31] Henning Beck | Über mich: www.henning-beck.com/ueber-mich/ (abgerufen am 22-04-2016).

[32] https://de.wikipedia.org/wiki/Science-Slam.

[33] Google Scholar: https://scholar.google.de/.

 

 

                                                                                                                                                                      30. 04. 2016